Kein Tabu. Ein Hilferuf.

Es geht um Suizidversuche. Wer sich aktuell nicht stark genug fühlt, sich diesem Thema zu widmen, hat jetzt noch Gelegenheit, diesen Beitrag zu meiden.

***

Ich glaube, ich war 15 oder 16 Jahre alt, als ich mich umbringen wollte. Mit einer Freundin auf den Bahngleisen. Erst später erlebte ich als Bahnreisender, wie schockierend und traumatisierend eine solche Begegnung für Lockführer und Zuggäste ist.

Wir hatten beide keine tolle Schulzeit. Meine Freundin hatte viele Brüder. Der Vater war sehr liebevoll, musste jedoch arbeiten, um all die Mäuler zu stopfen, während die Mutter zu Hause saß, rauchte und es sich gut gehen ließ.
Ich war Einzelkind und meine Eltern verdienten beide in Vollzeit gutes Geld.

Ich wurde bereits ab der ersten Klasse gemobbt und von älteren Schülern gejagt. Ich vermute mal, es sah witzig aus, wenn ich lief und meine genau genommen unbegründete Panik amüsierte diese älteren Kinder noch mehr. Ich weiß bis heute nicht, ob sie mich wirklich immer verprügelt hätten, aber allein der Gedanke daran versetzte mich in Angst und Schrecken.

Der Ratschlag, ich solle mich wehren, wenn ich dann doch verprügelt wurde oder mir Dinge weggenommen wurden, ging leider völlig nach hinten los, denn er bedachte nicht, dass ich schon unter gleichaltrigen die Kleinste, Schwächste und Langsamste war. Noch dazu war ich eins gegen mehrere.

Ich weiß nicht mehr, ob ich in der siebten oder achten Klasse war, als ein kleiner Bruder meiner Peiniger die Situation ausnutzte. Er versprach mir, wenn ich ihm meine entblößte Kehrseite zeigen würde, würde er seinem Bruder sagen, er solle mich in Ruhe lassen. Ich wusste ganz genau, dass ich das nicht machen wollte, aber ich wusste auch, dass ich nicht weiter gehetzt werden wollte. Pest oder Colera?
Ich ging das Risiko ein und ging mit ihm auf die Jungentoilette. Erstaunlicherweise wollte er wirklich nichts anderes, als meinen Po sehen und er fand ihn sogar schön. Diesen Po, der mir Spitznamen wie Entenarsch oder Breitarsch, etc. eingebracht hatte. Was noch erstaunlicher war, war die Tatsache, dass ich zumindest vor seinem Bruder tatsächlich dann Ruhe hatte. 

Kindermund tut Wahrheit kund, heißt es immer wieder. Aber Kinder können auch grausam sein. Und als Mitschüler zu mir sagten: „Spring von der Brücke, dann wird die Welt ein schönerer Ort!“ dann sagte mein rationaler Verstand, sie wollen mich nur wieder ärgern. Doch meine inneren Dämonen merkten es sich. Für die nächste Depressionsphase.

Ein anderes Mal waren drei Jungen in der Hofpause auf mich losgegangen. Eigentlich waren es immer mehrere gegen mich allein.
Da sie mir allein nicht helfen konnte, rannte meine Freundin los, um Hilfe zu holen. Bis heute weiß ich nicht, wie sie es in die Schule geschafft hatte, denn die Türen waren in dieser Pause stets verschlossen und die Lehrer, die darauf achteten, waren meistens eher unnachgiebig. Als sie mit dem Schuldirektor im Schlepptau zurück kam, wurde gerade mein Schädel gegen die grobkiesige Schulwand geschlagen. Ich sah Sterne vor schwarzem Hintergrund, aber meine Reflexe funktionierten in diesem Moment instinktiv. Ich trat nach oben und ließ die Glocken höher schlagen.
Der Direktor war ziemlich erbost und schimpfte die Jungs an, ob sie sich eigentlich im Klaren waren, dass ich bleibende Schäden davon tragen könne. der Getroffene meinte darauf hin: “Ich doch auch!”

Ein weiteres Mal wollte mich einer über das Treppengeländer in der ersten Etage in den Keller werfen. Er würgte mich dabei. Was sein Nachteil war, denn vor meinen Zähnen befand sich sein Arm und ich biss so fest zu, wie ich konnte. Dazu sollte gesagt werden, dass ich sehr große Höhenangst habe und in Todesangst war. Auf sein: “Die beißt ja!” meinte ich nur noch lakonisch: “Was hast du denn gedacht?!”

Mit der Zeit stumpfte ich ab. Ich hatte meine Opferrolle angenommen und wurde immer mehr müde. Mit einer Freundin ging ich auf Bahngleisen, wir hatten beide einen guten Grund, nicht mehr leben zu wollen. Doch als der Zug kam, rannten wir hastig die Böschung rauf. Ganz offensichtlich wollten wir doch leben. Nur nicht mehr dieses Leben.

Eines Tages hatte einer meiner Mobber mich in der großen Schulpause geschnappt und wollte mir die Hand blutig kratzen. Ich sollte schreien. Das war das Letzte was ich wollte. Ich fühlte mich so unendlich müde. Ich wusste, es war eigentlich egal, ob ich ihm den Gefallen tat, er würde trotzdem weitermachen. Wenn nicht an diesem Tag, dann halt am nächsten. Also blieb ich stur stehen und ließ ihn machen. Immer wieder sagte er: “Los, schrei und ich hör auf!” statt dessen fragte ich irgendwann als die Pause fast herum war nur sehr sehr trocken: “Bist du bald fertig?” ja, es tat irgendwie weh, aber ich war schon so abgestumpft, dass ich das verdrängen konnte. Damit war endlich der Bann gebrochen. Ich war unberechenbar, weil vielleicht doch ein Direktor kommen konnte, ich war bissig, aber das schlimmste war, ich wurde langweilig. Und damit hatte ich von diesem Tag an meine Ruhe.

Die Hand war blutig und als ich sie meinem Vater am späten Nachmittag zur Begrüßung ohne nachzudenken gab, schrie ich auf, als er sie drückte. Er schimpfte mich aus, da er gar nicht wusste, was passiert war. Dann erklärte meine Mutter, dass ich verletzt sei. Ich zeigte die Hand, aber er sagte nichts weiter und ging aus meinem Zimmer. Heute weiß ich, dass er damit nicht umgehen konnte. Damals hatte mich das noch mehr verletzt, als die Kratzer, deren Narben ich heute noch trage.

Narben hatte ich von dieser Schulzeit viele. Die meisten auf meiner Seele. Ich hatte gelernt, dass ich sehr hässlich sei, zu langsam, zu klein, zu schwach, wertlos und für Jungs höchstens als Sandsack attraktiv.
Wann immer ich in Depressionsphasen geriet, schwappten diese Emotionen hoch. Einmal schnitt ich mir in der Badewanne die Beine mit dem Rasierer auf, ein anderes Mal aß ich giftige Beeren. Immer jedoch war es im Grunde ein Hilferuf. Wirklich sterben wollte ich nicht. Da ich in diesen Momenten allein war, konnte mir jedoch keiner helfen. Meist schickte mich Erschöpfung in einen gnädigen Schlaf und am nächsten Tag gab es irgend etwas, für das ich funktionieren musste.

Der Anfang, aus diesem Teufelskreis heraus war, als zwei meiner Peiniger mich bei meinem ersten und einzigen Klassentreffen um Verzeihung baten. Einer der beiden war gerade Vater von einem Mädchen geworden. „Wenn ich mir vorstelle, irgend jemand tut ihr eines Tages das an, was wir – ich – dir angetan haben. Ich …“ Er fand keine Worte.

Durch Spiritualität und Schamanismus lernte ich, mich mit meinen inneren Dämonen, mit all den unaufgearbeiteten Emotionen und Erlebnissen auseinander zu setzen. Immer wieder wurden mir Menschen auf den Weg geschickt, die mich dazu zwangen, mich, meine Sicht auf mich, meine Sicht auf andere und auf das Leben in Frage zu stellen und zu überarbeiten.

Noch heute fällt es mir schwer, über mich zu sagen, ich bin schön. Aber ich schaffe es, das zu glauben, wenn es mir jemand sagt. Ich weiß heute, ich bin stark, bin klug und emotional. Ich habe gelernt, wieder mir zu vertrauen.

Ich war einmal dort, wo Menschen, die über Suizid nachdenken, gerade sind. Dieses tiefe, düstere Loch, aus dem es scheinbar keinen Ausweg gibt. Menschen, die diesen Drang nie verspürten, können sich oft nicht vorstellen, dass ein Selbstmord wie eine Lösung erscheint. Auch wenn er das nicht ist. Ich wünsche diesen Menschen viel Mitgefühl. Denn sie werden gebraucht. Gebraucht für diejenigen, die genau in dieser Situation stecken. Wer über Suizid nachdenkt, braucht jemanden, der für ihn da ist. Ihm irgendwie zeigt, dass wirklich jeder Mensch (auch derjenige, den ich selbst nicht leiden kann) wertvoll ist. Suizidgefährdete Menschen brauchen Wärme, Zuneigung, Tonnen von Geduld und manchmal auch professionelle Hilfe. Was sie ganz sicher nicht brauchen sind Vorwürfe und herablassende Worte. Man kann nur das Leid, was man selbst erlebt, wirklich verstehen.

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Über Felis Saeva

Spirituelle Sanitäterin, heidnische Hexe, Runenwerferin, Baumschmuser, Buchstabenverdreher. Herzmensch, Piratenbraut und Katzenflüsterer. Herz und Seele vom Efeutraum (siehe Links). Liebe ist das Beste was wir geben und empfangen können.
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