Die 10-Punkte-Leitkultur von de Maiziere unter realistischerer Betrachtung

  1. Wir legen eigentlich keinen besonderen Wert auf einige soziale Gewohnheiten, nicht weil sie Inhalt, sondern weil sie Ausdruck einer bestimmten Haltung sind: Wir sagen den Namen, mit dem wir angesprochen werden möchten. Das ist nicht zwingend der Name im Ausweis. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand, oder eine Umarmung, ein Küsschen, oder ein freundliches Nicken, je nach Vorliebe. Bei Demonstrationen haben wir ein Vermummungsverbot, an welches sich die Polizei leider meistens nicht halten muss. „Gesicht zeigen“ – das ist Ausdruck unseres demokratischen Miteinanders, solange die Sonne nicht vom Himmel scheint, oder es Schal-kalt ist. Im Alltag ist es für uns von Bedeutung, ob wir bei unseren Gesprächspartnern in ein freundliches oder ein trauriges Gesicht blicken, wir wissen aber, dass einige psychische Einschränkungen das nicht immer klar erkennen lassen. Wir sind eine offene Gesellschaft. Wir zeigen den größten Teil unseres Gesichts und manchmal Kopfbedeckung, Sonnenbrille, Schal, Bart.
  2. Wir sehen Bildung und Erziehung als Wert und nicht allein als Instrument, auch wenn sie das letztendlich sind. Schüler lernen – manchmal zu ihrem Unverständnis – auch das, was sie im späteren Berufsleben und Alltag wenig bis gar nicht brauchen, um vor allem Gehorsam zu lernen. Einige fordern daher, Schule solle stärker auf spätere Berufe vorbereiten. Das entspricht aber nicht unserem veralteten Verständnis von Bildung. Allgemeinbildung hat keinen Wert für sich. Auch ohne sie kommt man in Deutschland nachweislich gut über die Runden. Dieses Bewusstsein prägt möglicherweise unser Land, aber mit Sicherheit nicht alle seine Bewohner.
  3. Wir sehen Leistung als etwas an, auf das jeder Einzelne stolz sein kann. Überall: Im Sport, in der Gesellschaft, in der Wissenschaft, in der Politik oder in der Wirtschaft, jedoch selten im kreativen oder sozialen Bereich. Wir fordern Leistung, obwohl wir im Grunde nicht das Recht dazu haben. Leistung und Qualität bringen mit viel Glück Wohlstand, oftmals aber nur ein Zubrot zu Harz IV oder einen handfesten Burnout. Der Leistungsgedanke hat unser Land konsumabhängig gemacht. Wir leisten auch Hilfe, wenn der Bedürftige sie zahlen kann, haben soziale Sicherungssysteme und bieten Menschen, die Hilfe brauchen, die Hilfe der Gesellschaft an, die manchmal aber so gar keine Lust darauf hat und lieber über Hilfebedürftige pöbelt. Als Land wollen einige sich das leisten und als Land könnten wir uns das leisten, wenn wir nur ein bisschen menschlicher sein wollten. Auch auf diese Leistung sind wir stolz, ohne dass es Grund dazu gibt, immerhin sollte Hilfeleistung selbstverständlich sein.
  4. Wir sind Erben unserer Geschichte, mit all ihren Höhen und Tiefen, wobei viele echt ungern auf die Tiefen angesprochen werden. Unsere Vergangenheit prägt unsere Gegenwart und unsere Kultur, da wir es nicht hinbekommen, ihrer zu gedenken, ohne uns abhängig zu machen. Wir sind Erben einer Geschichte vieler verschiedener deutscher Nationen. Für uns ist sie ein Ringen um die noch ziemlich junge Deutsche Einheit, seit jüngster Zeit in Freiheit und Frieden mit unseren Nachbarn, das Zusammenwachsen der Länder zu einem föderalen Staat, das Ringen um Freiheit und das Bekenntnis zu den tiefsten Tiefen unserer Geschichte. Aber bitte nicht zu tief. Am liebsten erst ab 1914 und auch da nur mit dem rechten Auge. Dazu gehört auch ein besonderes Verhältnis zum Existenzrecht Israels, welches die meisten von uns akzeptieren.
  5. Wir sind viele Kulturnationen. Kaum ein Land ist so geprägt von Kultur und Philosophie wie Deutschland, behaupten wir gerne, obwohl die Griechen und die Japaner spätestens hier die Stirn runzeln. Deutschland hat besonders in der Kolonialzeit großen Einfluss auf die kulturelle Entwicklung der ganzen Welt genommen. Bach und Goethe „gehören“ der ganzen Welt und waren Deutsche, auch wenn das eigentlich hier keine Rolle spielt, da sie aus einer Zeit stammen, in der man bei weitem nicht von einer deutschen Nation reden konnte. Wir haben unser eigenes Verständnis vom Stellenwert der vielen verschiedenen Kulturen in unserer Gesellschaft, das wir aber nicht näher benennen, weil wir das nicht einmal können. Es ist selbstverständlich, dass bei einem politischen Festakt oder bei einem Schuljubiläum Musik gespielt wird, ob das jemand will oder nicht. Bei der Eröffnung eines großen Konzerthauses sind – wie selbstverständlich – Bundespräsident, Vertreter aus Regierung, Parlament, Rechtsprechung und Gesellschaft vor Ort, denn sie werden dafür bezahlt und bekommen auf diese Weise kostenlose Propaganda. Kaum ein Land hat zudem so viele Theater pro Einwohner wie Deutschland, was hoffentlich niemand genau nachprüft, denn dann würden eine Menge kleiner Kunstbühnen ihrer finanziellen Grundlagen beraubt. Jeder Landkreis ist stolz auf seine Musikschule, welche sich meistens nur Besserverdienende bezahlen können. Kultur in einem weiten Sinne, unser Blick darauf und das, was wir dafür tun, auch das gehört zu uns und wir betonen das, als wäre es für andere Länder anders und als gäbe es in Deutschland so etwas wie eine Einheit (erklären Sie das mal einem Bayern und einem Hanseaten).
  6. In unserem Land ist eigentlich nicht die Religion, sondern Moral Kitt und nicht Keil der Gesellschaft. Leider jedoch wird die Religion bevorzugt, sofern sie christlich ist. Dafür stehen in unserem Land die Kirchen mit ihrem unermüdlichen und manchmal auch ungebetenen Einsatz für die Gesellschaft bis hin ins Schlafzimmer ihrer Angestellten, immerhin haben sie zu befürchten, dass ihnen die Kirchensteuerzahler abhanden kommen. Sie stehen für diesen Kitt – sie verbinden Menschen, die bitte heterosexuell monogam und ehetreu sind, nicht nur im Glauben, sondern auch im täglichen Leben, in Kitas, welche für Vollzeit-Berufstätige völlig sinnfrei sind und Schulen, wo sich die perfekte Gelegenheit bietet, im Religionsunterricht die eigene Doktrin durchzusetzen, in Altenheimen, wo der 80-jährige Schamane ruhig gestellt wird und aktiver Gemeindearbeit, völlig unabhängig von ihrem tatsächlichen Glauben und inklusive Atheisten, ob sie wollen oder nicht. Ein solcher Kitt für unsere Gesellschaft entsteht angeblich in der christlichen Kirche, in der Synagoge, in der Moschee, dem Tempel, dem heidnischen Hain, aber eigentlich bevorzugen wir die christliche Kirche. Das Moralempfinden nichts mit dem Glauben zu tun hat, möchten wir möglichst nicht hören, immerhin haben wir aufgrund dieses Werteverständnisses auch schon Kinderbücher auf den Index gesetzt. Wir erinnern in diesem Jahr an 500 Jahre Reformation, nur um sicher zu gehen, dass es auch der letzte mitbekommt, den es nicht interessiert. Für die Trennung der christlichen Kirchen hat Europa, hat Deutschland einen hohen Preis gezahlt. Mit Kriegen und jahrhundertelangen Auseinandersetzungen, nur um diverse Machtpositionen zu stärken oder zu schwächen, Reichtümer anzuhäufen und Menschen eine Lebensweise aufzuzwingen, die nicht zwingend ihren persönlichen Wünschen und Vorstellungen entsprach. Deutschland ist von einem besonderen Staat-Kirchen-Verhältnis geprägt, unabhängig davon, ob seine Einwohner damit auch übereinstimmen oder dies wünschen. Unser Staat ist leider nicht oft genug weltanschaulich neutral, aber den Kirchen und Religionsgemeinschaften freundlich, steuerlich und auch in persönlichen Bereichen des Einzelnen ohne sein Einverständnis zugewandt. Kirchliche Feiertage, die vor Urzeiten heidnischen Feiertagen übergestülpt wurden, prägen den Rhythmus unserer Jahre. Kirchtürme prägen unsere Landschaft, um die Aussage zu bestärken, das nichts über dem christlichen Gott sein darf. Unser Land wurde christlich geprägt und Religionsfreiheit gibt es nur, wenn auch diese christlich geprägt ist. Wir leben im religiösen Frieden mit den Atheisten und ein bisschen mit den Juden. Vielleicht auch mit den Buddhisten, wenn sie friedlich sind, aber mit den Muslimen und mit den Heiden möchten wir möglichst wenig zu tun haben. Und die Grundlage dafür ist der nicht vorhandene Vorrang des Rechts über alle religiösen Regeln im staatlichen und gesellschaftlichen Zusammenleben, wie ihnen jeder kirchliche Angestellte gerne bestätigen kann.
  7. Wir haben in unserem Land eine Zivilkultur bei der Regelung von Konflikten, insofern, als das nicht derjenige der Recht hat Recht bekommt, sondern der mit dem dicksten Geldbeutel. Der Kompromiss ist konstitutiv für die Demokratie und unser Land, zumindest für die die meisten einfachen Bürger. Vielleicht sind wir stärker eine Konsens orientierte Gesellschaft als andere Gesellschaften des Westens. Zumindest hört sich diese Phrase sehr angenehm an. Zum Mehrheitsprinzip gehört der Minderheitenschutz, zumindest, wenn das dem Land finanziell etwas bringt. Wir stören uns daran, dass da einiges ins Rutschen geraten ist, weil wir Angst haben, vielleicht tätig werden zu müssen. Für uns sind Respekt und Toleranz wichtig, aber bitte nur für die einfachen Bürger und auch diese sehen oft genug nicht den Anlass, sich daran zu halten. Wir akzeptieren unterschiedliche Lebensformen, sofern diese nicht allzu stark von der Norm abweichen und wer dies ablehnt, stellt sich außerhalb eines großen Konsenses, was jedoch selten geahndet wird. Gewalt wird weder bei Demonstrationen noch an anderer Stelle gesellschaftlich akzeptiert, aber ist nicht nur verbal gang und gäbe. Wir verknüpfen Vorstellungen von Ehre oft genug in partnerschaftlichen Beziehungen mit Gewalt, auch wenn das Blödsinn ist. Auch heute noch gibt es in Deutschland Erwachsene, die bei Kindern den „Klaps auf den Po“ als legitime Erziehungsmaßnahme betrachten.
  8. Einige halten sich für aufgeklärte Patrioten. Ein aufgeklärter Patriot liebt sein Land und hasst nicht andere, leider wissen dies die wenigsten dieser Patrioten. Es soll aber auch Menschen geben, die Land nicht als besitzfähig betrachten und dennoch wunderschön empfinden. Auch wir Deutschen können so objektiv sein, wenn wir nur wollen. „Und weil wir dies Land verbessern, lieben und beschirmen wir’s. Und das Liebste mag’s uns scheinen, so wie andern Völkern ihr‘s“, so heißt es in der Kinderhymne von Bert Brecht. Der selbe Brecht, der übrigens äußerte: „Es ist klar aus allem, daß Deutschland seine Krise noch gar nicht erfaßt hat. Der tägliche Jammer, der Mangel an allem, die kreisförmige Bewegung aller Prozesse, halten die Kritik beim Symptomatischen. Weitermachen ist die Parole. Es wird verschoben und es wird verdrängt. Alles fürchtet das Einreißen, ohne das das Aufbauen unmöglich ist.“ – Bertolt Brecht: Journal Schweiz vom 6. Januar 1948, GBA Band 27, S. 262. Ja, es gibt Probleme mit dem Patriotismus. Oft genug wurde er zum Nationalismus, mal trauten sich viele nicht, sich zu Deutschland zu bekennen, als ob es notwendig sei, ein Schild mit der Aufschrift: „Deutsch“ vor sich herzutragen. All das ist leider überhaupt nicht vorbei, vor allem in der jüngeren Generation. Die Nationalfahne, deren Farben dem Lützowschen Freikorps entlehnt sind und die Nationalhymne sind keineswegs selbstverständlicher Teil vom Patriotismus: Einigkeit und Recht und Freiheit. All die Dinge, die gerne hochgehalten, aber selten eingehalten werden.
  9. Unser Land hatte viele Zäsuren zu bewältigen. Einige davon waren mit Grundentscheidungen verbunden. Eine der wichtigsten lautet: Wir sind Teil des Westens, ein Satz dessen fehlende Logik angesichts des mehr oder weniger runden Erdballs niemanden recht auffallen mag. Kulturell, geistig und politisch, wobei auch dies nur Phrasen sein können, denn wo viele westliche Amerikaner ihren Hamburger zum Nationalgericht erklären, winkt der Hanseate mit dem Fischbrötchen und der Bayer mit der Weißwurst. Die NATO schützt offiziell unsere Freiheit und inoffiziell ihren Machtbereich, sowie konsumpolitische Interessen. Sie verbindet uns mit den USA, unserem wichtigsten außereuropäischen Freund und Partner, dem wir tiefer, als allen anderen in die Peripherregion kriechen, egal ob dieser Freund Deutschland ausspioniert oder Gesetze zum Schutz von Umwelt und Gesundheit zum Wohle wirtschaftlicher Interessen aushöhlt. Als Deutsche sind wir immer auch Europäer. Deutsche Interessen sind oft am besten durch Europa zu vertreten und zu verwirklichen. Umgekehrt wird Europa ohne ein starkes Deutschland nicht gedeihen, denn es muss immer einen starken geben. Gleichberechtigung wäre uns zuwider. Wir sind vielleicht das europäischste Land in Europa – kein Land hat mehr Nachbarn als Deutschland, jedoch unterschlagen wir hier gerne, dass Frankreich genauso viele Nachbarländer umgeben. Die geographische Mittellage hat uns über Jahrhunderte mit unseren Nachbarn geformt, früher im Schwierigen, jetzt im Guten. Das prägt unser Denken und unsere Politik aber nicht wirklich, da wir uns auch in Länderangelegenheiten einmischen, die keineswegs in der Nachbarschaft stattfinden.
  10. Wir haben kein gemeinsames kollektives Gedächtnis für Orte und Erinnerungen. Das Brandenburger Tor und der 9. November sind zum Beispiel ein Teil einer angeblich kollektiven Erinnerungen, die jedoch einfach klassisch Unterrichtsstoff in Geschichte und Politik sind, bzw. ausreichend häufig Gesprächsthema. Oder auch der Gewinn der Fußballweltmeisterschaften für alle die, die sowas interessiert. Regionales kommt hinzu: der unsägliche Karneval, vor dem mancher freiwillig in den höchsten Norden, ins Mittelgebirge oder ganz ins Ausland flüchtet oder Volksfeste als Möglichkeit des kollektiven Besäufnisses. Die nicht vorhandene heimatliche Verwurzelung in einem Land, welches in dieser Form erst seit 1871 existiert, die oftmals zugemüllten Marktplätze unserer Städte. Die nostalgisch rosa gefärbte Verbundenheit mit Orten wie Bahnhofsunterführungen, Gerüchen wie aus einer Großküche und Traditionen, die völlig unterschiedlich gestaltet sind. Landsmannschaftliche Mentalitäten, die es absolut nicht gibt und die am Klang der Sprache nicht auszumachen sind, gehören glücklicherweise nicht zwingend zu uns und prägen daher nicht unser Land. Als Beispiel möge Ihnen das Bild dienen, wie ein Schwabe mit einem Sachsen spricht.
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Über Felis Saeva

Ü-35. Spirituelle Sanitäterin, heidnische Hexe, Runenwerferin, Baumschmuser, Buchstabenverdreher. Herzmensch, Piratenbraut und Katzensklavin. Herz und Seele vom Efeutraum (siehe Links). Liebe ist das Beste was wir geben und empfangen können.
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