Stimmungsfarbig

Josef stand vor dem Spiegel. Kummerfalten zerfurchten seine Stirn. Braun. Wie erwartet. Wie befürchtet. Er seufzte tief. Er öffnete den Medizinschrank und nahm ein Tablettenröhrchen heraus. Mit einem Schluck Wasser aus dem Zahnputzbecher spülte er die Tablette herunter und schlurfte dann in die Küche. Sekunden später ratterte die Kaffeemaschine.
Er wünschte, der Duft könnte dazu beitragen, seine Stimmung zu heben. Aber die war seit Wochen im Keller und nun hatte er die Quittung. Er warf einen Blick in die Zeitung, ohne sie wirklich zu lesen. Immer wieder warf er einen Blick auf die Uhr. Ging mit der Tasse in der Hand ans Fenster, vermied aber sorgfältig, das Licht anzuschalten. Er wollte sein eigenes Spiegelbild nicht sehen.

Als eine halbe Stunde vergangen war, ging er wieder ins Bad. Der Blick in den Spiegel war nervös. Manchmal schlug die Tablette einfach nicht an. Er hatte schon von anderen gehört, dass die Wirkung immer öfter ausblieb. Glück gehabt. Erleichterung machte sich breit und schaffte es fast, die gedrückte Stimmung, die ihn seit Wochen verfolgte, ein bisschen zu dämpfen. Seine Haut war hell, wie sie sein sollte. Er würde über den Tag kommen. Trotzdem packte er sicherheitshalber einen Hut, ein Tuch und eine Sonnenbrille ein. Nur für den Fall, dass er länger als die 8 Stunden unterwegs war, die ihm die Tablette nun gab.
8 Stunden Normalität. Kein Spießrutenlauf. Kein Rechtfertigen. Es war so unendlich frustrierend. Da ging es einem schon schlecht, dann veränderte sich nach einigen Tagen die Hautfarbe. Je tiefer die Stimmung, desto dunkler. Es  betraf nicht alle Menschen. Nur einige. Und die Wissenschaftler hatten heraus gefunden, dass es immer mehr wurden. Wohl ein Gendefekt.
An sich war es nicht schlimm. Es tat nicht weh, war nicht ansteckend und machte keinen zu einem besseren oder schlechteren Menschen. Es war halt so, dass jeder sehen konnte, wenn einer mit diesem Gendefekt schlecht drauf war. Da es aber hieß, dass depressive Menschen unkonzentrierter und weniger leistungsfähig seien, wurden sie immer ein bisschen mit Skepsis beäugt. Würde er seine Arbeit ganz normal packen oder würde er plötzlich vor einem Kunden in Tränen ausbrechen? Vielleicht gar die Waren durch die Gegend werfen oder im Extremfall auf andere losgehen? Man hatte ja soviel gehört.
Für die Betroffenen war es eine enorme Erleichterung, als dann diese Tabletten auf den Markt gebracht wurden. Denn keiner fragte, wie man zum Teufel aus einer Depression rausfinden sollte, wenn jeder einen behandelte, als sei man irgend eine Art Monster, das jeden Augenblick austicken könnte?!
8 Stunden versprach der Anbieter, würde die Wirkung anhalten. 8 Stunden ein normales Leben. Man fühlte sich zwar nicht besser oder konnte mehr leisten, aber man hatte seine Ruhe. Man stach nicht aus der Masse heraus. Und wer unauffällig war, wurde in Ruhe gelassen.


Wie gut, dass das obig Geschriebene nur eine Geschichte ist und keine Realität. Nicht auszudenken, es könnte jeden von uns treffen, mit Diskriminierung konfrontiert zu werden.

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Über Felis Saeva

Ü-35. Spirituelle Sanitäterin, heidnische Hexe, Runenwerferin, Baumschmuser, Buchstabenverdreher. Herzmensch, Piratenbraut und Katzensklavin. Herz und Seele vom Efeutraum (siehe Links). Liebe ist das Beste was wir geben und empfangen können.
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