Kein Tabu. Ein Hilferuf.

Es geht um Suizidversuche. Wer sich aktuell nicht stark genug fühlt, sich diesem Thema zu widmen, hat jetzt noch Gelegenheit, diesen Beitrag zu meiden.

***

Ich glaube, ich war 15 oder 16 Jahre alt, als ich mich umbringen wollte. Mit einer Freundin auf den Bahngleisen. Erst später erlebte ich als Bahnreisender, wie schockierend und traumatisierend eine solche Begegnung für Lockführer und Zuggäste ist.

Wir hatten beide keine tolle Schulzeit. Meine Freundin hatte viele Brüder. Der Vater war sehr liebevoll, musste jedoch arbeiten, um all die Mäuler zu stopfen, während die Mutter zu Hause saß, rauchte und es sich gut gehen ließ.
Ich war Einzelkind und meine Eltern verdienten beide in Vollzeit gutes Geld.

Ich wurde bereits ab der ersten Klasse gemobbt und von älteren Schülern gejagt. Ich vermute mal, es sah witzig aus, wenn ich lief und meine genau genommen unbegründete Panik amüsierte diese älteren Kinder noch mehr. Ich weiß bis heute nicht, ob sie mich wirklich immer verprügelt hätten, aber allein der Gedanke daran versetzte mich in Angst und Schrecken.

Der Ratschlag, ich solle mich wehren, wenn ich dann doch verprügelt wurde oder mir Dinge weggenommen wurden, ging leider völlig nach hinten los, denn er bedachte nicht, dass ich schon unter gleichaltrigen die Kleinste, Schwächste und Langsamste war. Noch dazu war ich eins gegen mehrere.

Ich weiß nicht mehr, ob ich in der siebten oder achten Klasse war, als ein kleiner Bruder meiner Peiniger die Situation ausnutzte. Er versprach mir, wenn ich ihm meine entblößte Kehrseite zeigen würde, würde er seinem Bruder sagen, er solle mich in Ruhe lassen. Ich wusste ganz genau, dass ich das nicht machen wollte, aber ich wusste auch, dass ich nicht weiter gehetzt werden wollte. Pest oder Colera?
Ich ging das Risiko ein und ging mit ihm auf die Jungentoilette. Erstaunlicherweise wollte er wirklich nichts anderes, als meinen Po sehen und er fand ihn sogar schön. Diesen Po, der mir Spitznamen wie Entenarsch oder Breitarsch, etc. eingebracht hatte. Was noch erstaunlicher war, war die Tatsache, dass ich zumindest vor seinem Bruder tatsächlich dann Ruhe hatte. 

Kindermund tut Wahrheit kund, heißt es immer wieder. Aber Kinder können auch grausam sein. Und als Mitschüler zu mir sagten: „Spring von der Brücke, dann wird die Welt ein schönerer Ort!“ dann sagte mein rationaler Verstand, sie wollen mich nur wieder ärgern. Doch meine inneren Dämonen merkten es sich. Für die nächste Depressionsphase.

Ein anderes Mal waren drei Jungen in der Hofpause auf mich losgegangen. Eigentlich waren es immer mehrere gegen mich allein.
Da sie mir allein nicht helfen konnte, rannte meine Freundin los, um Hilfe zu holen. Bis heute weiß ich nicht, wie sie es in die Schule geschafft hatte, denn die Türen waren in dieser Pause stets verschlossen und die Lehrer, die darauf achteten, waren meistens eher unnachgiebig. Als sie mit dem Schuldirektor im Schlepptau zurück kam, wurde gerade mein Schädel gegen die grobkiesige Schulwand geschlagen. Ich sah Sterne vor schwarzem Hintergrund, aber meine Reflexe funktionierten in diesem Moment instinktiv. Ich trat nach oben und ließ die Glocken höher schlagen.
Der Direktor war ziemlich erbost und schimpfte die Jungs an, ob sie sich eigentlich im Klaren waren, dass ich bleibende Schäden davon tragen könne. der Getroffene meinte darauf hin: “Ich doch auch!”

Ein weiteres Mal wollte mich einer über das Treppengeländer in der ersten Etage in den Keller werfen. Er würgte mich dabei. Was sein Nachteil war, denn vor meinen Zähnen befand sich sein Arm und ich biss so fest zu, wie ich konnte. Dazu sollte gesagt werden, dass ich sehr große Höhenangst habe und in Todesangst war. Auf sein: “Die beißt ja!” meinte ich nur noch lakonisch: “Was hast du denn gedacht?!”

Mit der Zeit stumpfte ich ab. Ich hatte meine Opferrolle angenommen und wurde immer mehr müde. Mit einer Freundin ging ich auf Bahngleisen, wir hatten beide einen guten Grund, nicht mehr leben zu wollen. Doch als der Zug kam, rannten wir hastig die Böschung rauf. Ganz offensichtlich wollten wir doch leben. Nur nicht mehr dieses Leben.

Eines Tages hatte einer meiner Mobber mich in der großen Schulpause geschnappt und wollte mir die Hand blutig kratzen. Ich sollte schreien. Das war das Letzte was ich wollte. Ich fühlte mich so unendlich müde. Ich wusste, es war eigentlich egal, ob ich ihm den Gefallen tat, er würde trotzdem weitermachen. Wenn nicht an diesem Tag, dann halt am nächsten. Also blieb ich stur stehen und ließ ihn machen. Immer wieder sagte er: “Los, schrei und ich hör auf!” statt dessen fragte ich irgendwann als die Pause fast herum war nur sehr sehr trocken: “Bist du bald fertig?” ja, es tat irgendwie weh, aber ich war schon so abgestumpft, dass ich das verdrängen konnte. Damit war endlich der Bann gebrochen. Ich war unberechenbar, weil vielleicht doch ein Direktor kommen konnte, ich war bissig, aber das schlimmste war, ich wurde langweilig. Und damit hatte ich von diesem Tag an meine Ruhe.

Die Hand war blutig und als ich sie meinem Vater am späten Nachmittag zur Begrüßung ohne nachzudenken gab, schrie ich auf, als er sie drückte. Er schimpfte mich aus, da er gar nicht wusste, was passiert war. Dann erklärte meine Mutter, dass ich verletzt sei. Ich zeigte die Hand, aber er sagte nichts weiter und ging aus meinem Zimmer. Heute weiß ich, dass er damit nicht umgehen konnte. Damals hatte mich das noch mehr verletzt, als die Kratzer, deren Narben ich heute noch trage.

Narben hatte ich von dieser Schulzeit viele. Die meisten auf meiner Seele. Ich hatte gelernt, dass ich sehr hässlich sei, zu langsam, zu klein, zu schwach, wertlos und für Jungs höchstens als Sandsack attraktiv.
Wann immer ich in Depressionsphasen geriet, schwappten diese Emotionen hoch. Einmal schnitt ich mir in der Badewanne die Beine mit dem Rasierer auf, ein anderes Mal aß ich giftige Beeren. Immer jedoch war es im Grunde ein Hilferuf. Wirklich sterben wollte ich nicht. Da ich in diesen Momenten allein war, konnte mir jedoch keiner helfen. Meist schickte mich Erschöpfung in einen gnädigen Schlaf und am nächsten Tag gab es irgend etwas, für das ich funktionieren musste.

Der Anfang, aus diesem Teufelskreis heraus war, als zwei meiner Peiniger mich bei meinem ersten und einzigen Klassentreffen um Verzeihung baten. Einer der beiden war gerade Vater von einem Mädchen geworden. „Wenn ich mir vorstelle, irgend jemand tut ihr eines Tages das an, was wir – ich – dir angetan haben. Ich …“ Er fand keine Worte.

Durch Spiritualität und Schamanismus lernte ich, mich mit meinen inneren Dämonen, mit all den unaufgearbeiteten Emotionen und Erlebnissen auseinander zu setzen. Immer wieder wurden mir Menschen auf den Weg geschickt, die mich dazu zwangen, mich, meine Sicht auf mich, meine Sicht auf andere und auf das Leben in Frage zu stellen und zu überarbeiten.

Noch heute fällt es mir schwer, über mich zu sagen, ich bin schön. Aber ich schaffe es, das zu glauben, wenn es mir jemand sagt. Ich weiß heute, ich bin stark, bin klug und emotional. Ich habe gelernt, wieder mir zu vertrauen.

Ich war einmal dort, wo Menschen, die über Suizid nachdenken, gerade sind. Dieses tiefe, düstere Loch, aus dem es scheinbar keinen Ausweg gibt. Menschen, die diesen Drang nie verspürten, können sich oft nicht vorstellen, dass ein Selbstmord wie eine Lösung erscheint. Auch wenn er das nicht ist. Ich wünsche diesen Menschen viel Mitgefühl. Denn sie werden gebraucht. Gebraucht für diejenigen, die genau in dieser Situation stecken. Wer über Suizid nachdenkt, braucht jemanden, der für ihn da ist. Ihm irgendwie zeigt, dass wirklich jeder Mensch (auch derjenige, den ich selbst nicht leiden kann) wertvoll ist. Suizidgefährdete Menschen brauchen Wärme, Zuneigung, Tonnen von Geduld und manchmal auch professionelle Hilfe. Was sie ganz sicher nicht brauchen sind Vorwürfe und herablassende Worte. Man kann nur das Leid, was man selbst erlebt, wirklich verstehen.

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Eine Sache, die ich nicht verstehe

Es gibt eine Sache, die ich nicht verstehe: Wie ein Mensch ein Nazi, ein Rechter, ein Ausländerhasser sein kann.

Ich kann verstehen, dass Menschen ihre Heimat lieben und sie bewahren wollen.
Ich kann verstehen, dass es Menschen gibt, die ihre Traditionen weiterführen wollen.
Ich kann verstehen, dass Menschen Angst vor dem Unbekannten haben.
Ich kann verstehen, dass Menschen einzelne andere Menschen nicht mögen.

Doch dann gibt es Begriffe, wo ich mich frage, ob die Nutzer sich je Gedanken über ihre Verwendung gemacht haben.

Überfremdung: Wir leben in einem Land, welches aus Sachsen, Angeln, Allemannen, Franken, Goten, Wenden, Sueben, Catten, Friesen, Kelten und zahlreichen weiteren germanischen Stämmen zusammengewürfelt wurde, in welches auch immer wieder andere Völker einwanderten, bzw. dessen Bevölkerung selbst auch immer wieder auswanderte. Fremd ist nur etwas, was noch nicht so lang dabei war. Aber das deutsche Volk ist alles andere als eine homogene Masse.

Patriotismus: Eigentlich soll dieses Wort die Liebe zum Land und den Wunsch, dieses zu verteidigen ausdrücken. Darüber hinaus den Stolz in diesem Land geboren worden zu sein. Nur realistisch betrachtet, braucht der normale Bürger nichts verteidigen. Es sei denn, ihn stört die Überfremdung. Und in diesem Land geboren worden zu sein ist nichts, wozu seine Einwohner etwas beigetragen haben. Es passiert einfach. Jeder einzelne Mensch wird auf, oder im besonderen Fall über irgend einem bestimmten Flecken Erde geboren. Es ist schön zu wissen, wo das ist, macht aus einem jedoch weder einen besseren, noch einen schlechteren Menschen. Deutschland als eine Region zu lieben, geht auch ohne Patriotismus.

Traditions- und Kulturverlust: Ich sag es immer wieder. Traditionen und Kultur kann man nicht verlieren. Entweder ich lebe sie oder ich lebe sie nicht. Entweder ich feiere Weihnachten, Geburtstage, Namenstage, Sommersonnenwende, Walpurgis, Pessach, trage Krachlederhosen, Dirndl, Surcot, Bollenhut, Friesennerz oder nicht. Entweder ich sage guten Tag, grüß Gott, Moin oder eben nicht. Es komplett meine Entscheidung. Und wenn sich sehr viele Menschen dagegen entscheiden, dann stirbt eben eine Tradition oder ein Kulturbestandteil aus. Aber das ist kein Drama. Das ist der Lauf der Dinge. Abgesehen von Reenactmentdarstellern möchten heute die wenigsten einen Suebenknoten, Reifrock, bunt gemusterte Strumpfhosen, Bruche, Schnabelschuhe, etc. tragen.
Abgesehen von strenggläubigen Christen betet heute keiner mehr täglich, geht regelmäßig beichten und besucht mindestens einmal die Woche die Messe. All das waren jedoch einmal Bestandteile deutscher Kultur und Traditionen.

Es ist in meinen Augen ok, lieber für sich sein zu wollen und Neues oder Veränderung für sich selbst abzulehnen. Aber dann sollte diesem Menschen klar sein, dass seine Meinung nicht allgemeingültig ist. Weder hat er das Recht, über das Belieben anderer zu bestimmen, noch hat er das Recht über die Bevölkerung in diesem Land zu bestimmen. Jeder darf sich gerne zurück ziehen und darüber entscheiden, wen er in sein Haus oder seine Wohnung lässt. Doch darüber hinaus geht sein Recht nicht.

Über eines sollte sich jeder jedoch im Klaren sein. Angst ist und bleibt ein schlechter Ratgeber und erst recht, wenn jemand versucht, die eigene Angst auf jemand anderes zu schieben. Wenn ich Angst habe, etwas zu verstehen, dann wird es Zeit, sich damit zu befassen. Und wer meint, dass ich doch nur Formen von Missbrauch oder Misshandlung unterstützen will, der irrt. Missbrauch und Misshandlung sind nie in Ordnung. Aber auch so etwas verändert keiner mit Ablehnung sondern stehts nur mit Aufklärung. Abgelehnte Menschen sind weiterhin unwissend. Nur im Verborgenen. Wo es still und leise gären kann. Menschen abzuweisen bedeutet am Ende, vor bestehenden Problemen die Augen verschließen zu wollen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber die Probleme sind deswegen nicht weniger existent.

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Tine sagt nichts

Vorwort und Triggerwarnung

In der folgenden Geschichte sind Namen und ggf. Orte geändert. Auch wenn sich der Beitrag als Kurzgeschichte liest, beruht das Geschriebene auf einer wahren Geschichte. Der Beitrag soll dazu dienen, zu zeigen, wie schnell es zu sexueller Gewalt kommen kann und das es eben nicht immer klar, eindeutig und einfach ist. Er soll zeigen, dass Opfer kein Mitleid brauchen, sondern ganz viel Mitgefühl. Opfer sind nicht gleich. Sie sind unterschiedlich und verarbeiten unterschiedlich. Und nicht immer merkt oder sieht man es ihnen an.

Tine sitzt still da. Ihre Freundin ebenfalls. Peinliches Schweigen. Bis eben hat Tine erzählt und Sarah hat zugehört. Nur einen Satz hat Sarah gesagt: „Ist dir klar, dass du vergewaltigt worden bist?“

Sie hatten über frühere Partner gesprochen und auch über Sex. Wie Freundinnen halt. Allerdings wie erwachsene Freundinnen, die auch in der Lage sind, offen und ehrlich die nicht so schönen Begebenheiten zu erwähnen.
„Mein erster Freund. Ich hab immer gedacht, ich krieg nie einen ab,“ fängt Tine mit ihrer Geschichte an. „Immer hieß es ‚Du bist fett, du bist hässlich. Spring von der Brücke, dann wird die Welt ein schönerer Ort.‘ Naja, ich habs halt irgendwie geglaubt.
Ich war mit Anna immer wieder in der Bowlingbahn und er arbeitete dort. Blitzende Augen, dichtes Haar. Er hat sich mit uns auch so mal unterhalten. Ich glaub, ich war sofort in ihn verknallt. Aber ich hab mich nicht getraut.
Anna hat immer gestichelt, aber weißt du, wenn du denkst du siehst scheiße aus und jeder findet dich scheiße, dann trauste dich nicht. Und dann hat er mich doch geküsst. Heimlich hinter der Theke. Naja, Anna hats ziemlich bald spitz gekriegt. Sah es mir sofort an. Das ging so ein paar Monate.
Und dann sagte sie mal so nebenbei, sie hätte mit ihm gewettet, dass ich nicht mit ihm schlafen würde. Bescheuert oder? Ich mein, sie wusste dass ich noch nie … Ich fand das fies. Ich hätt sagen sollen: ‚Dich geht das nichts an und wenn er sich auf solchen Scheiß einlässt, ist er der Falsche.‘ Hätte.
War aber nicht so. Ich war halt jung und blöd und hab zu ihm gesagt, ‚ok, ich machs‘. Da nahm er mich eines Nachmittags mit nach Hause. Weil ich mich nicht im Hellen traute, aber sein Zimmer sich nicht verdunkeln ließ, ging er mit mir in den Flur und machte alle Türen zu. Romantisch sag ich dir. Als es zur Sache gehen sollte, bekam ich Schiss und wollte dass er das lässt. Er machte weiter. Ich schrie, er machte weiter. Ich biss ihn, er machte weiter. Der Teppich scheuerte meinen Rücken auf. Ich hatte mich komplett verkrampft und mir tat alles weh. Als er fertig war, merkte er dass ich weinte. Er sagte, es tut ihm leid, es sei so schön gewesen.
Tja, mein erstes Mal war halt echt nicht so toll.“

Tine atmet tief durch: „Jetzt wo du es so sagst, es könnt was dran sein. Ich hab das nicht so gesehen, aber du hast recht.“ Sie steht auf und holt sich etwas zu trinken, als sei es das Normalste der Welt.
Sarah ist verwirrt. Bis ihr klar wird: Tine hat damit bereits viele Jahre gelebt. Sie hat es über die Zeit für sich klein geredet um damit klar zu kommen. Beide wissen, der Satz von Sarah wird noch nachhallen. Und ganz für sich wird Tine lernen müssen, diese Wahrheit zuzulassen.

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Die 10-Punkte-Leitkultur von de Maiziere unter realistischerer Betrachtung

  1. Wir legen eigentlich keinen besonderen Wert auf einige soziale Gewohnheiten, nicht weil sie Inhalt, sondern weil sie Ausdruck einer bestimmten Haltung sind: Wir sagen den Namen, mit dem wir angesprochen werden möchten. Das ist nicht zwingend der Name im Ausweis. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand, oder eine Umarmung, ein Küsschen, oder ein freundliches Nicken, je nach Vorliebe. Bei Demonstrationen haben wir ein Vermummungsverbot, an welches sich die Polizei leider meistens nicht halten muss. „Gesicht zeigen“ – das ist Ausdruck unseres demokratischen Miteinanders, solange die Sonne nicht vom Himmel scheint, oder es Schal-kalt ist. Im Alltag ist es für uns von Bedeutung, ob wir bei unseren Gesprächspartnern in ein freundliches oder ein trauriges Gesicht blicken, wir wissen aber, dass einige psychische Einschränkungen das nicht immer klar erkennen lassen. Wir sind eine offene Gesellschaft. Wir zeigen den größten Teil unseres Gesichts und manchmal Kopfbedeckung, Sonnenbrille, Schal, Bart.
  2. Wir sehen Bildung und Erziehung als Wert und nicht allein als Instrument, auch wenn sie das letztendlich sind. Schüler lernen – manchmal zu ihrem Unverständnis – auch das, was sie im späteren Berufsleben und Alltag wenig bis gar nicht brauchen, um vor allem Gehorsam zu lernen. Einige fordern daher, Schule solle stärker auf spätere Berufe vorbereiten. Das entspricht aber nicht unserem veralteten Verständnis von Bildung. Allgemeinbildung hat keinen Wert für sich. Auch ohne sie kommt man in Deutschland nachweislich gut über die Runden. Dieses Bewusstsein prägt möglicherweise unser Land, aber mit Sicherheit nicht alle seine Bewohner.
  3. Wir sehen Leistung als etwas an, auf das jeder Einzelne stolz sein kann. Überall: Im Sport, in der Gesellschaft, in der Wissenschaft, in der Politik oder in der Wirtschaft, jedoch selten im kreativen oder sozialen Bereich. Wir fordern Leistung, obwohl wir im Grunde nicht das Recht dazu haben. Leistung und Qualität bringen mit viel Glück Wohlstand, oftmals aber nur ein Zubrot zu Harz IV oder einen handfesten Burnout. Der Leistungsgedanke hat unser Land konsumabhängig gemacht. Wir leisten auch Hilfe, wenn der Bedürftige sie zahlen kann, haben soziale Sicherungssysteme und bieten Menschen, die Hilfe brauchen, die Hilfe der Gesellschaft an, die manchmal aber so gar keine Lust darauf hat und lieber über Hilfebedürftige pöbelt. Als Land wollen einige sich das leisten und als Land könnten wir uns das leisten, wenn wir nur ein bisschen menschlicher sein wollten. Auch auf diese Leistung sind wir stolz, ohne dass es Grund dazu gibt, immerhin sollte Hilfeleistung selbstverständlich sein.
  4. Wir sind Erben unserer Geschichte, mit all ihren Höhen und Tiefen, wobei viele echt ungern auf die Tiefen angesprochen werden. Unsere Vergangenheit prägt unsere Gegenwart und unsere Kultur, da wir es nicht hinbekommen, ihrer zu gedenken, ohne uns abhängig zu machen. Wir sind Erben einer Geschichte vieler verschiedener deutscher Nationen. Für uns ist sie ein Ringen um die noch ziemlich junge Deutsche Einheit, seit jüngster Zeit in Freiheit und Frieden mit unseren Nachbarn, das Zusammenwachsen der Länder zu einem föderalen Staat, das Ringen um Freiheit und das Bekenntnis zu den tiefsten Tiefen unserer Geschichte. Aber bitte nicht zu tief. Am liebsten erst ab 1914 und auch da nur mit dem rechten Auge. Dazu gehört auch ein besonderes Verhältnis zum Existenzrecht Israels, welches die meisten von uns akzeptieren.
  5. Wir sind viele Kulturnationen. Kaum ein Land ist so geprägt von Kultur und Philosophie wie Deutschland, behaupten wir gerne, obwohl die Griechen und die Japaner spätestens hier die Stirn runzeln. Deutschland hat besonders in der Kolonialzeit großen Einfluss auf die kulturelle Entwicklung der ganzen Welt genommen. Bach und Goethe „gehören“ der ganzen Welt und waren Deutsche, auch wenn das eigentlich hier keine Rolle spielt, da sie aus einer Zeit stammen, in der man bei weitem nicht von einer deutschen Nation reden konnte. Wir haben unser eigenes Verständnis vom Stellenwert der vielen verschiedenen Kulturen in unserer Gesellschaft, das wir aber nicht näher benennen, weil wir das nicht einmal können. Es ist selbstverständlich, dass bei einem politischen Festakt oder bei einem Schuljubiläum Musik gespielt wird, ob das jemand will oder nicht. Bei der Eröffnung eines großen Konzerthauses sind – wie selbstverständlich – Bundespräsident, Vertreter aus Regierung, Parlament, Rechtsprechung und Gesellschaft vor Ort, denn sie werden dafür bezahlt und bekommen auf diese Weise kostenlose Propaganda. Kaum ein Land hat zudem so viele Theater pro Einwohner wie Deutschland, was hoffentlich niemand genau nachprüft, denn dann würden eine Menge kleiner Kunstbühnen ihrer finanziellen Grundlagen beraubt. Jeder Landkreis ist stolz auf seine Musikschule, welche sich meistens nur Besserverdienende bezahlen können. Kultur in einem weiten Sinne, unser Blick darauf und das, was wir dafür tun, auch das gehört zu uns und wir betonen das, als wäre es für andere Länder anders und als gäbe es in Deutschland so etwas wie eine Einheit (erklären Sie das mal einem Bayern und einem Hanseaten).
  6. In unserem Land ist eigentlich nicht die Religion, sondern Moral Kitt und nicht Keil der Gesellschaft. Leider jedoch wird die Religion bevorzugt, sofern sie christlich ist. Dafür stehen in unserem Land die Kirchen mit ihrem unermüdlichen und manchmal auch ungebetenen Einsatz für die Gesellschaft bis hin ins Schlafzimmer ihrer Angestellten, immerhin haben sie zu befürchten, dass ihnen die Kirchensteuerzahler abhanden kommen. Sie stehen für diesen Kitt – sie verbinden Menschen, die bitte heterosexuell monogam und ehetreu sind, nicht nur im Glauben, sondern auch im täglichen Leben, in Kitas, welche für Vollzeit-Berufstätige völlig sinnfrei sind und Schulen, wo sich die perfekte Gelegenheit bietet, im Religionsunterricht die eigene Doktrin durchzusetzen, in Altenheimen, wo der 80-jährige Schamane ruhig gestellt wird und aktiver Gemeindearbeit, völlig unabhängig von ihrem tatsächlichen Glauben und inklusive Atheisten, ob sie wollen oder nicht. Ein solcher Kitt für unsere Gesellschaft entsteht angeblich in der christlichen Kirche, in der Synagoge, in der Moschee, dem Tempel, dem heidnischen Hain, aber eigentlich bevorzugen wir die christliche Kirche. Das Moralempfinden nichts mit dem Glauben zu tun hat, möchten wir möglichst nicht hören, immerhin haben wir aufgrund dieses Werteverständnisses auch schon Kinderbücher auf den Index gesetzt. Wir erinnern in diesem Jahr an 500 Jahre Reformation, nur um sicher zu gehen, dass es auch der letzte mitbekommt, den es nicht interessiert. Für die Trennung der christlichen Kirchen hat Europa, hat Deutschland einen hohen Preis gezahlt. Mit Kriegen und jahrhundertelangen Auseinandersetzungen, nur um diverse Machtpositionen zu stärken oder zu schwächen, Reichtümer anzuhäufen und Menschen eine Lebensweise aufzuzwingen, die nicht zwingend ihren persönlichen Wünschen und Vorstellungen entsprach. Deutschland ist von einem besonderen Staat-Kirchen-Verhältnis geprägt, unabhängig davon, ob seine Einwohner damit auch übereinstimmen oder dies wünschen. Unser Staat ist leider nicht oft genug weltanschaulich neutral, aber den Kirchen und Religionsgemeinschaften freundlich, steuerlich und auch in persönlichen Bereichen des Einzelnen ohne sein Einverständnis zugewandt. Kirchliche Feiertage, die vor Urzeiten heidnischen Feiertagen übergestülpt wurden, prägen den Rhythmus unserer Jahre. Kirchtürme prägen unsere Landschaft, um die Aussage zu bestärken, das nichts über dem christlichen Gott sein darf. Unser Land wurde christlich geprägt und Religionsfreiheit gibt es nur, wenn auch diese christlich geprägt ist. Wir leben im religiösen Frieden mit den Atheisten und ein bisschen mit den Juden. Vielleicht auch mit den Buddhisten, wenn sie friedlich sind, aber mit den Muslimen und mit den Heiden möchten wir möglichst wenig zu tun haben. Und die Grundlage dafür ist der nicht vorhandene Vorrang des Rechts über alle religiösen Regeln im staatlichen und gesellschaftlichen Zusammenleben, wie ihnen jeder kirchliche Angestellte gerne bestätigen kann.
  7. Wir haben in unserem Land eine Zivilkultur bei der Regelung von Konflikten, insofern, als das nicht derjenige der Recht hat Recht bekommt, sondern der mit dem dicksten Geldbeutel. Der Kompromiss ist konstitutiv für die Demokratie und unser Land, zumindest für die die meisten einfachen Bürger. Vielleicht sind wir stärker eine Konsens orientierte Gesellschaft als andere Gesellschaften des Westens. Zumindest hört sich diese Phrase sehr angenehm an. Zum Mehrheitsprinzip gehört der Minderheitenschutz, zumindest, wenn das dem Land finanziell etwas bringt. Wir stören uns daran, dass da einiges ins Rutschen geraten ist, weil wir Angst haben, vielleicht tätig werden zu müssen. Für uns sind Respekt und Toleranz wichtig, aber bitte nur für die einfachen Bürger und auch diese sehen oft genug nicht den Anlass, sich daran zu halten. Wir akzeptieren unterschiedliche Lebensformen, sofern diese nicht allzu stark von der Norm abweichen und wer dies ablehnt, stellt sich außerhalb eines großen Konsenses, was jedoch selten geahndet wird. Gewalt wird weder bei Demonstrationen noch an anderer Stelle gesellschaftlich akzeptiert, aber ist nicht nur verbal gang und gäbe. Wir verknüpfen Vorstellungen von Ehre oft genug in partnerschaftlichen Beziehungen mit Gewalt, auch wenn das Blödsinn ist. Auch heute noch gibt es in Deutschland Erwachsene, die bei Kindern den „Klaps auf den Po“ als legitime Erziehungsmaßnahme betrachten.
  8. Einige halten sich für aufgeklärte Patrioten. Ein aufgeklärter Patriot liebt sein Land und hasst nicht andere, leider wissen dies die wenigsten dieser Patrioten. Es soll aber auch Menschen geben, die Land nicht als besitzfähig betrachten und dennoch wunderschön empfinden. Auch wir Deutschen können so objektiv sein, wenn wir nur wollen. „Und weil wir dies Land verbessern, lieben und beschirmen wir’s. Und das Liebste mag’s uns scheinen, so wie andern Völkern ihr‘s“, so heißt es in der Kinderhymne von Bert Brecht. Der selbe Brecht, der übrigens äußerte: „Es ist klar aus allem, daß Deutschland seine Krise noch gar nicht erfaßt hat. Der tägliche Jammer, der Mangel an allem, die kreisförmige Bewegung aller Prozesse, halten die Kritik beim Symptomatischen. Weitermachen ist die Parole. Es wird verschoben und es wird verdrängt. Alles fürchtet das Einreißen, ohne das das Aufbauen unmöglich ist.“ – Bertolt Brecht: Journal Schweiz vom 6. Januar 1948, GBA Band 27, S. 262. Ja, es gibt Probleme mit dem Patriotismus. Oft genug wurde er zum Nationalismus, mal trauten sich viele nicht, sich zu Deutschland zu bekennen, als ob es notwendig sei, ein Schild mit der Aufschrift: „Deutsch“ vor sich herzutragen. All das ist leider überhaupt nicht vorbei, vor allem in der jüngeren Generation. Die Nationalfahne, deren Farben dem Lützowschen Freikorps entlehnt sind und die Nationalhymne sind keineswegs selbstverständlicher Teil vom Patriotismus: Einigkeit und Recht und Freiheit. All die Dinge, die gerne hochgehalten, aber selten eingehalten werden.
  9. Unser Land hatte viele Zäsuren zu bewältigen. Einige davon waren mit Grundentscheidungen verbunden. Eine der wichtigsten lautet: Wir sind Teil des Westens, ein Satz dessen fehlende Logik angesichts des mehr oder weniger runden Erdballs niemanden recht auffallen mag. Kulturell, geistig und politisch, wobei auch dies nur Phrasen sein können, denn wo viele westliche Amerikaner ihren Hamburger zum Nationalgericht erklären, winkt der Hanseate mit dem Fischbrötchen und der Bayer mit der Weißwurst. Die NATO schützt offiziell unsere Freiheit und inoffiziell ihren Machtbereich, sowie konsumpolitische Interessen. Sie verbindet uns mit den USA, unserem wichtigsten außereuropäischen Freund und Partner, dem wir tiefer, als allen anderen in die Peripherregion kriechen, egal ob dieser Freund Deutschland ausspioniert oder Gesetze zum Schutz von Umwelt und Gesundheit zum Wohle wirtschaftlicher Interessen aushöhlt. Als Deutsche sind wir immer auch Europäer. Deutsche Interessen sind oft am besten durch Europa zu vertreten und zu verwirklichen. Umgekehrt wird Europa ohne ein starkes Deutschland nicht gedeihen, denn es muss immer einen starken geben. Gleichberechtigung wäre uns zuwider. Wir sind vielleicht das europäischste Land in Europa – kein Land hat mehr Nachbarn als Deutschland, jedoch unterschlagen wir hier gerne, dass Frankreich genauso viele Nachbarländer umgeben. Die geographische Mittellage hat uns über Jahrhunderte mit unseren Nachbarn geformt, früher im Schwierigen, jetzt im Guten. Das prägt unser Denken und unsere Politik aber nicht wirklich, da wir uns auch in Länderangelegenheiten einmischen, die keineswegs in der Nachbarschaft stattfinden.
  10. Wir haben kein gemeinsames kollektives Gedächtnis für Orte und Erinnerungen. Das Brandenburger Tor und der 9. November sind zum Beispiel ein Teil einer angeblich kollektiven Erinnerungen, die jedoch einfach klassisch Unterrichtsstoff in Geschichte und Politik sind, bzw. ausreichend häufig Gesprächsthema. Oder auch der Gewinn der Fußballweltmeisterschaften für alle die, die sowas interessiert. Regionales kommt hinzu: der unsägliche Karneval, vor dem mancher freiwillig in den höchsten Norden, ins Mittelgebirge oder ganz ins Ausland flüchtet oder Volksfeste als Möglichkeit des kollektiven Besäufnisses. Die nicht vorhandene heimatliche Verwurzelung in einem Land, welches in dieser Form erst seit 1871 existiert, die oftmals zugemüllten Marktplätze unserer Städte. Die nostalgisch rosa gefärbte Verbundenheit mit Orten wie Bahnhofsunterführungen, Gerüchen wie aus einer Großküche und Traditionen, die völlig unterschiedlich gestaltet sind. Landsmannschaftliche Mentalitäten, die es absolut nicht gibt und die am Klang der Sprache nicht auszumachen sind, gehören glücklicherweise nicht zwingend zu uns und prägen daher nicht unser Land. Als Beispiel möge Ihnen das Bild dienen, wie ein Schwabe mit einem Sachsen spricht.
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Stimmungsfarbig

Josef stand vor dem Spiegel. Kummerfalten zerfurchten seine Stirn. Braun. Wie erwartet. Wie befürchtet. Er seufzte tief. Er öffnete den Medizinschrank und nahm ein Tablettenröhrchen heraus. Mit einem Schluck Wasser aus dem Zahnputzbecher spülte er die Tablette herunter und schlurfte dann in die Küche. Sekunden später ratterte die Kaffeemaschine.
Er wünschte, der Duft könnte dazu beitragen, seine Stimmung zu heben. Aber die war seit Wochen im Keller und nun hatte er die Quittung. Er warf einen Blick in die Zeitung, ohne sie wirklich zu lesen. Immer wieder warf er einen Blick auf die Uhr. Ging mit der Tasse in der Hand ans Fenster, vermied aber sorgfältig, das Licht anzuschalten. Er wollte sein eigenes Spiegelbild nicht sehen.

Als eine halbe Stunde vergangen war, ging er wieder ins Bad. Der Blick in den Spiegel war nervös. Manchmal schlug die Tablette einfach nicht an. Er hatte schon von anderen gehört, dass die Wirkung immer öfter ausblieb. Glück gehabt. Erleichterung machte sich breit und schaffte es fast, die gedrückte Stimmung, die ihn seit Wochen verfolgte, ein bisschen zu dämpfen. Seine Haut war hell, wie sie sein sollte. Er würde über den Tag kommen. Trotzdem packte er sicherheitshalber einen Hut, ein Tuch und eine Sonnenbrille ein. Nur für den Fall, dass er länger als die 8 Stunden unterwegs war, die ihm die Tablette nun gab.
8 Stunden Normalität. Kein Spießrutenlauf. Kein Rechtfertigen. Es war so unendlich frustrierend. Da ging es einem schon schlecht, dann veränderte sich nach einigen Tagen die Hautfarbe. Je tiefer die Stimmung, desto dunkler. Es  betraf nicht alle Menschen. Nur einige. Und die Wissenschaftler hatten heraus gefunden, dass es immer mehr wurden. Wohl ein Gendefekt.
An sich war es nicht schlimm. Es tat nicht weh, war nicht ansteckend und machte keinen zu einem besseren oder schlechteren Menschen. Es war halt so, dass jeder sehen konnte, wenn einer mit diesem Gendefekt schlecht drauf war. Da es aber hieß, dass depressive Menschen unkonzentrierter und weniger leistungsfähig seien, wurden sie immer ein bisschen mit Skepsis beäugt. Würde er seine Arbeit ganz normal packen oder würde er plötzlich vor einem Kunden in Tränen ausbrechen? Vielleicht gar die Waren durch die Gegend werfen oder im Extremfall auf andere losgehen? Man hatte ja soviel gehört.
Für die Betroffenen war es eine enorme Erleichterung, als dann diese Tabletten auf den Markt gebracht wurden. Denn keiner fragte, wie man zum Teufel aus einer Depression rausfinden sollte, wenn jeder einen behandelte, als sei man irgend eine Art Monster, das jeden Augenblick austicken könnte?!
8 Stunden versprach der Anbieter, würde die Wirkung anhalten. 8 Stunden ein normales Leben. Man fühlte sich zwar nicht besser oder konnte mehr leisten, aber man hatte seine Ruhe. Man stach nicht aus der Masse heraus. Und wer unauffällig war, wurde in Ruhe gelassen.


Wie gut, dass das obig Geschriebene nur eine Geschichte ist und keine Realität. Nicht auszudenken, es könnte jeden von uns treffen, mit Diskriminierung konfrontiert zu werden.

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Warum

Warum blogge ich derzeit soviel über meine persönliche Haltung gegenüber Ausländern, Einwanderern, Flüchtlingen, Asylsuchende, besorgte Bürger, AfD-Anhänger, usw.?

Sicher geht es ein Stück weit um Selbstdarstellung. Schaut her, das ist meine Meinung, meine Überzeugung. Eigentlich ist sie unwichtig für euch da draußen. Es gibt jedoch einen Punkt, wo es wichtig wird. Wenn es eines Tages heißt: Wie hast du dazu gestanden?

Ich weiß nicht, ob ich bereit bin, meinen Hals für andere hin zu halten. Ich weiß nicht, ob ich in der Lage bin, mich im Notfall gegen andere Menschen zu stellen, wenn darum geht, Freiheit, Frieden und Menschlichkeit zu verteidigen. Ich denke, auch ich werde in solch einer Situation Angst haben. Da ich noch nie in solch einer Situation war, weiß ich nicht, ob ich in der Lage sein werde, für meine Werte einzustehen. Was ich jedoch weiß ist, was genau das für Werte sind. Und das Mindeste, was ich von mir sagen können möchte ist, ich habe eine Wahl getroffen.

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Ich habe den Mut 

Auf den sozialen Seiten meiner spirituellen Seite Efeutraum habe ich vor einigen Tagen geschrieben, dass das Gehirn Verneinung nicht versteht. Die (bei den meisten Menschen) rechte Hirnhälfte, die für Kreativität, Gefühle und Erinnerungen zuständig ist, kennt nur positiv und bekommt mit der rationalen linken Hirnhälfte dann einen Konflikt.
Darum sage ich nich: Ich habe keine Angst. Ich sage: ich habe den Mut. Auch ich fürchte mich manchmal, aber grundsätzlich habe ich den Mut. Ich werde weiterhin für die Freiheit einstehen. Ich werde weiterhin für ein soziales Miteinander einstehen. Ich werde weiterhin für das Recht des Einzelnen einstehen, sein Leben leben zu dürfen. Furcht und Angst sind Emotionen und die entstehen immer in uns drin. Unsere tierischen Überlebensinstinkte reagieren auf Bedrohung, egal ob direkt oder indirekt, mit Angst. Wir sollen weglaufen. Aber schon in dem Moment, wo es keine direkte Bedrohung gibt, darf ich mein logisches Denken wieder einschalten. Ich bin ein Mensch und habe die Möglichkeit, das Recht, aber auch die Pflicht, zu denken. Ich kann mir ganz individuell klar machen, ob ich jetzt, in diesem Augenblick, wo ich in eine Decke eingewickelt auf dem Sofa sitze und schreckliche Nachrichten im Fernseher sehe, wirklich bedroht werde. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Immer schon gewesen.

Ängstliche Menschen in diesem Land verstehen nicht, dass die Menschen die sie gerade bekämpfen und vertreiben möchten, vor all dem Krieg, der Angst und dem Terror hierher geflohen sind. Diese Menschen wollen nichts weiter, als in Frieden leben. Sie haben den Schrecken zurücklassen wollen, doch er ist ihn gefolgt. Hat sich möglicherweise unter sie geschmuggelt. Gewalt und Terror wollen, dass die Menschen ängstlich sind, denn ängstliche Menschen lassen sich viel leichter instrumentalisieren.

Ich wünsche mir von Herzen, dass all die ängstlichen, die besorgten Menschen irgendwann einmal verstehen dass es bei Anschlägen nicht darum geht, einfach nur Menschen zu verletzten und zu töten. Es geht darum, Angst zu verbreiten. Es geht darum Menschen auseinander zu treiben. Es geht darum Misstrauen zu sähen. Liebe Besorgte, leider muss ich es euch sagen: ihr werdet benutzt.

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Ohnmachtsutopien

Familiendramen.
Diverse sexuelle Übergriffe in U-bahnen, auf offener Straße, in Kneipen und in öffentlichen Schwimmbädern.
Gewaltaufmärsche.
Randale in Flüchtlingsheimen.
Anschläge auf Flüchtlingsheime
Totschlag.
Männer die ihre Frauen mit einem Seil ans Auto binden und durch die Straßen schleifen.
Amokläufer, die willkürlich Menschen niederschießen.
Mütter, die mit Benzin übergossen werden und angezündet werden.
Attentate.
Krieg.

Es gibt noch so viele schreckliche und verstörende Beispiele.

Ohnmacht macht sich breit. Ich bin ein guter Mensch, aber ich kann nichts dagegen tun. Aus Ohnmacht entsteht Wut. Was sind das für Menschen, die sowas tun? Sind das überhaupt noch Menschen? Was wollen die? Können die nicht weg? Ganz weit weg?

Und dann stehe ich da. Ich bin auch ein guter Mensch. Ich fühle die selbe Ohnmacht. Die selbe Wut auf die Täter. Es nützt aber den Opfern nichts. Es nützt absolut niemanden etwas. Ich verstehe eure Gedanken und eure Wut. Gemeinsam können wir die Welt verbessern.

Lasst uns Sprachbarrieren niederreißen. Wer immer in einem anderen Land ist, muss die dortige Sprache lernen. Wer dort leben möchte, sollte mehr als nur die Grundlagen beherrschen. Dazu sind Sprachschulen und Sprachlehrer notwendig. Das ist kein Zeichen von Arroganz Seiten des jeweiligen Landes. Es geht um aller Leben. Erst wenn ich kommunizieren kann, kann ich mich auch in Notfällen ausdrücken und Hilfe rufen.

Lasst uns vorleben, wie wir die Welt haben wollen. Wenn wir uns von Angst steuern lassen, dann wird es eben eine ängstliche Welt. Wenn wir uns von Gewalt steuern lassen, wird es eine gewalttätige Welt. Aber wenn wir mit Respekt behandelt werden möchten, so müssen wir jeden, auch und gerade den, den wir nicht mögen, mit Respekt behandeln. Auch dann, wenn wir sein Handeln wirklich nicht verstehen oder ablehnen.

Ich muss nicht alles tolerieren. Aber wenn ich will, dass ein Mensch schädliches Verhalten ablegt, bringe ich ihn nicht dazu, wenn ich ihn wie Dreck behandel. Ja, es ist schwer. Nein, es gelingt mir selbst nicht immer. Aber wir können daran arbeiten.

Wenn wir wollen, dass Menschen unsere Regeln eines friedlichen Miteinanders leben, dann müssen sie diese nicht nur kennen, sondern auch ihren Hintergrund verstehen. Je mehr Menschen wir das beibringen, desto erfolgreicher wird dieses Vorhaben.

Es gibt Menschen, die völlig irrational handeln. Impulsiv, (selbst)zerstörerisch, extremistisch, zusammengefasst: Bösartig. Es ist sehr schwer zu glauben, dass ein Mensch, der Böses tut, nicht zwingend böse ist. Und doch haben wir alle von dem Attentäter gehört, dessen Familie ihn nur als liebevoll beschreiben kann. Oder die Anhängerin einer Terrorgruppe, die sich aufopferungsvoll um Waisenkinder kümmert.
Hier kann psychische Hilfe manchmal Wunder bewirken. Viel Böses entsteht aus Angst. Angst vor dem zu kurz kommen, Angst vor dem Unbekannten, Angst vor Veränderung, Angst vor dem Tod, Existenzangst, Bindungsangst, Verlustangst. Wenn die Angst besiegt wird, bleibt keine Leere, dann bleibt ein gutes Leben.

Leider gibt es auch Menschen, deren Ängste zu stark sind oder deren Wille, an sich zu arbeiten zu schwach ist. Es bringt nichts, diese Menschen abzuschieben. Es bräuchte ein Netz von psychiatrisch auf dem neusten Stand stehenden, geschlossenen Einrichtungen weltweit, welche sich solcher Menschen annehmen. Wo Menschen mit völlig zerstörter Psyche (und diese können nach außen hin durchaus völlig gesund wirken) weiter behandelt werden. Auch wenn sie vielleicht nie wieder auf die Gesellschaft losgelassen werden können, gibt es keinen Grund, auch nur einen einzigen Menschen aufzugeben.
Mir ist klar, dass meine Vorstellungen utopisch sind, denn die heutige Gesellschaft ist in Wahrheit wenig an glücklichen und zufriedenen Menschen interessiert, sondern vor allem an Reichtum und Macht. Dennoch halte ich daran fest, denn schon manch unglaubliche Utopie der Vergangenheit wurde wahr.

„Denn jeder, der einen Menschen tötet, der gelte wie einer, der eine ganze Welt getötet hat. Und jeder, der das Leben eines Menschen rettet, der gelte wie einer, der eine ganze Welt gerettet hat.“ (Talmud)

Nachwort:
Ich habe meine Worte bewusst so gewählt, dass sie sowohl auf Aus- wie auch auf Inländer zutreffen. Menschen, die schlecht handeln gibt es überall, ebenso wie es überall Angst gibt. Es gibt aber auch überall gute Menschen. Und wenn wir eine gesamte Bevölkerungsgruppe – egal ob es sich hierbei um ein Land, eine Region oder eine Religionsgemeinschaft handelt – auf die schlechten Menschen reduzieren, bestrafen wir auch die guten Menschen und lassen sie immer mehr allein.

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Weihnachtsmann, Christkind und heidnische Götter

Die Frage ob Weihnachtsmann oder Christkind lässt sich relativ einfach klären:

in den eher katholisch geprägten Gegenden ist es das Christkind (verniedlicht der heilige Christ). In eher evangelisch geprägten Gegenden bzw. atheistischen Haushalten ist es dagegen der Weihnachtsmann. Bis etwa zum Jahr 1535 spielte diese Frage allerdings keine Rolle, denn da war es für alle Menschen christlicher Länder der heilige Nikolaus von Myra – ein lykischer Bischof (heute in der Türkei). Erst Martin Luther schaffte für die deutschen Protestanten die Bescherung am Nikolausabend ab und verfügte, dass nur der heilige Christ gute Gaben bringen sollte. Interessanterweise wechselten über die Folgejahre heiliger Christ und Nikolaus – inzwischen als Weihnachtsmann – die Fronten. Der reformatorische heilige Christ war bei den Katholiken nun der Gabenbringer, bei den Protestanten wurde es der Weihnachtsmann.

Etymologieforscher und Theologen fanden heraus, dass die Figur des Weihnachtsmannes aus einer Vermischung des heiligen Nikolaus mit dem germanischen Gott Wodan (nordisch Odin) entstanden ist.
Wodan ist in der germanischen Mythologie ein Gott der Weisheit und des Wissens, ein Wanderer zwischen den Welten und ein Gott des Rausches. So wie dem Weihnachtsmann wandert er unter den Menschen von Haus zu Haus. So wie dieser prüft er gelegentlich die Menschen auf ihre Ehrbarkeit.
Die meisten kennen Wodan als Figur aus der Weihnachtszeit sogar. Unter dem Namen Knecht Ruprecht oder Krampus. Die Kirche hatte den heidnischen Gott zu einem Dämon erklärt und ihn zum bestrafenden Diener vom heiligen Nikolaus bzw. Weihnachtsmann gemacht.

Inzwischen bestätigt die Forschung auch, dass sowohl das Weihnachtsfest als solches, als auch der Weihnachtsmann, ebenso wie auch der Weihnachtsbaum heidnischen Ursprungs sind. Die Wurzeln des Weihnachtsfestes hatte ich bereits im Artikel „Germanische Wurzeln des Weihnachtsfestes“ aufgeführt. Und dem Weihnachtsbaum hatte ich mich in meinem Artikel „Ausländer nehmen uns die Weihnachtsbäume weg“ behandelt.

Warum schreibe ich das alles?
Will ich mit Weihnachten das größte Fest der westlichen Welt und der Christenheit demontieren?
Ganz im Gegenteil. Ich möchte euch zeigen, dass all unsere Traditionen vielfältige Wurzeln haben, die uns alle verbinden. Die Völker unserer Vorfahren haben sich gegenseitig genauso beeinflusst, wie es heute statt findet. Traditionen verändern sich. Sie werden jedoch niemals bedroht. Eine Tradition wird aufrecht erhalten, solange sie für Menschen wichtig ist. Aber sie ist nicht mehr.
Ich wiederhole mich gerne: Ich bin froh, dass die Tradition der Menschenopfer der alten Germanen aufgegeben wurde. Von heute merkwürdig erscheinenden Heiratsritualen bis hin zu Haartracht (ich erinnere gerne an den Suebenknoten) und Kleidung (Wer trägt heute noch einen Peblos im Alltag?) gab es immer wieder Traditionen die sich entwickelt haben, weiterentwickelt haben oder aufgegeben wurden. Aber jeder kann das für sich selbst bestimmen. Keiner kann mich zwingen, christliche Lieder zu den geweihten Nächten zu singen. Ebenso werde ich von niemanden verlangen, die Rauhnächte zu zelebrieren. Niemand geht zu euch nach Hause und klaut euch den Baum aus dem Wohnzimmer. Mag sein, dass ihr in der Öffentlichkeit Dispute führt, ob es nun Wodan, Knecht Ruprecht, Nikolaus, Christkind oder Weihnachtsmann heißen soll, doch was ihr zu Hause in eurer Stube macht, ist am Ende ganz allein eure Sache.
Ob ihr eine Weihnachtsgans ganz heidnisch-schamanisch mit Beifuß würzt oder doch lieber zu Würstchen mit Kartoffelsalat greift, schreibt euch keiner vor. Auch kein Politiker oder Ausländer oder Flüchtling oder Andersgläubige.

So wünsche ich allen Menschen, ganz gleich welcher Abstammung, Hautfarbe oder Religion ab morgen eine wunderschöne Vorweihnachtszeit, mystische Rauhnächte, einen tollen Advent und uns allen geweihte Nächte.

Quellen:

 

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BGE (B)edingungsloses (G)rund (E)inkommen — emden09

Da hier die Antwort auf einen Kommentar meines letzte rebloggs geschrieben wurde, reblogge ich dies ebenfalls. Aber keine Angst, ich schreib auch schon noch mal was selbst 😉

Ja, es ist viel Arbeit da*. Aber gerade diese Arbeit zu bezahlen gelingt denen nicht, die durch Automatisierung (Computer und Roboter) Ihre Arbeitsplätze verlieren. Umschulung ist ein frommer Gedanke. Natürlich ist nicht jeder Müllwerker zur Pflegekraft geeignet, so wenig wie jeder Automechaniker als Chirurg oder Psychotherapeut. Abgekürzt: wie wir z.B. am Ruhrgebiet erkennen, dauert sogen. […]

über BGE (B)edingungsloses (G)rund (E)inkommen — emden09

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